Sprache ist mehr als nur Worte auszusprechen

Dies ist ein Gastbeitrag von @Melanie_MP_

Ich möchte als Beispiel hier Pegida anführen, auch wenn die Entwicklung dieser „Bewegung“ mehr als nur einen oder wenige Gründe hat. Hier scheint es eine art Startschuss geben zu haben mit dessen Auswirkungen wir jetzt massiv zu tun haben, wie sich derzeit z.B. unter anderem in Freital zeigt.

Man kann noch sehr viel mehr über Pegida sagen aber mir geht es jetzt und hier hauptsächlich um Sprache und deren Gebrauch und daher ist Pegida hier wegen der Aktualität als Beispiel genutzt.

Hier gibt es außerdem noch einen Text mit Gedanken zu Pegida allgemein: Klick

Als Pegida sich formierte, waren wir alle überrascht.

Nicht darüber, dass Menschen Ängste haben, protestieren, sich ungerecht behandelt fühlen. Auch nicht darüber, das sich Nazis dies zunutze machten und versuchten, die Menschen in ihrem Interesse zu lenken.

Nein wir waren schon so weit, zu wissen, dass sich die Nazis wieder größer formieren, organisieren und versuchen den Fuß in jede Tür zu bekommen, die sich auch nur einen Spalt breit öffnet.

Was uns überraschte war die Masse an Menschen und die Tatsache, dass diese sich so bereitwillig vor einen Karren spannen ließen, den sie selbst als „Mitte“ und „Normal“ bezeichnen, eigentlich aber klar als Rechtsaußen einsortiert werden konnte.

„Man wird doch mal sagen dürfen“, „Immer gleich Nazikeule“ und „Ich bin ja nicht Rechts aber…“ hielten mit Pegida Einzug in Gespräche.

Relativieren ist seither kein Problem mehr und Menschen die auf Nazi-Rhetorik und rassistischen Aussagen aufmerksam machen, werden damit mal eben untergebügelt und als Spinner abgestempelt.

Aber bleiben wir bei Pegida und Co, und zwar bevor sich diese Gruppierungen viral ausbreiteten, gesteuert durch ein leider recht gut funktionierendes Netzwerk von Nazis.

Pegida war natürlich von Beginn an rassistisch geprägt. Aus Angst vor dem bedrohlichen Fremden gingen sehr viele Leute auf die Straße. Sie zogen auch allerlei Menschen mit sich, die auch irgendetwas wollten (oder nicht wollten) und wurden, wie gesagt, schnell von den Nazis instrumentalisiert.

Warum ging das so schnell und vor allem, warum war es so einfach und in diesem großen Rahmen möglich?

Warum hatten/haben die Menschen nicht sofort gemerkt, wer sich da den Schafspelz überwarf und die Herde anführte.? Warum folg(t)en so viele Menschen rechten Hetzern, schafsgleich und ohne ein Bewusstsein darüber, wie falsch sie falsch lagen?

Und nun sind wir wieder am Anfang des Textes.

Der Sprachgebrauch einer Gesellschaft prägt sie. Reden wir also z.B. von Flüchtlingen, so haben wir eher das Bild eines bedrängten Menschen in Not im Kopf. Bei

‚Asylant‘ sehen wir im Kopf schon Menschen die auf uns bedrohlich wirken und bei

‚Schmarotzer‘ sehen wir nicht mal mehr eine Person, sondern nur noch eine dreckige Bedrohung für unser eigenes Wohl.

Es ist immer dieselbe Person, aber je nachdem wie wir Sprache benutzen, verändert sie sich in unseren Köpfen. Aus einem Opfer, das unser Mitleid bekommt, wird erst jemand der uns unangenehm wird, und schließlich eine klare Bedrohung und Last.

Die Sprache und ihr Gebrauch sind nicht zu unterschätzen. Sie ist einer der Gründe für den Erfolg von Pegida und den Rechtsruck in unserer Gesellschaft.

Als ich noch jünger war, war jedem klar, dass man verschiedene Ausdrücke nicht nutzt. Eben weil sie das Dritte Reich so sehr prägten, dass im Kopf der Menschen eine direkte Verbindung dazu entsteht. Einige der klarsten Worte waren da z.B. „Endlösung“, „Entartung“, „Parasiten“ (in Bezug auf Menschen). Über kurze Sätze in denen „Heil“ vorkommt, brauch ich gar nicht zu schreiben, das ist auch heute noch je… den Meisten klar.

In den 80ern wurden dann die Stimmen immer lauter, die gerne die Vergangenheit hinter sich lassen wollten. War es doch die Generation vor uns oder vor unseren Eltern und nicht wir. Nazis gab es doch nicht mehr und wenn, dann nur wenige Außenseiter, die keiner ernst nahm.

Haben wir gedacht…

So denken aber komischerweise auch heute noch einige Menschen!

All die Übergriffe auf Flüchtlingsheime, NSU, Marschierende Horden und vor allem all die hohen Tiere, die nicht auf der Straße brüllen, sondern still Fäden ziehen und Geld geben. Das sind alles Ausnahmen und Randgruppe.

Und weil wir alle keine Nazis mehr sind und Rassisten auch nicht, ist es auch inzwischen total übertrieben auf Sprachgebrauch zu verzichten, der von Nazis geprägt wurde. Wir lassen uns doch nicht alles von den Nazis kaputt machen. Die Zeiten sind doch vorbei und müssen vergessen werden… #sarkasmushashtag

Kurze Frage. Wenn ein Uropa, sich am Ofen die Finger verbrennt und damit in der Familie weiter geben wird, dass man den Ofen nicht anfassen sollte, wenn er heiß ist, kann man dann als Urenkel einfach mal wieder an den heißen Ofen fassen, ohne sich die Finger zu verbrennen?

Klare Antwort: Nein, natürlich nicht. Egal wie lange es her ist als Uropa sich verbrannte, der Urenkel wird sich verbrennen. Aber warum sollte er denn so dumm sein und an den Ofen fassen? Der Uropa hat es doch schon getan und sich verbrannt und da müsste er es doch besser wissen…

Dummerweise waren die Eltern der Ansicht, es ist so lange her und Vergangenheit und es gibt kaum noch Öfen, da kann man ruhig vergessen… So hat es der Urenkel nicht gelernt und zack, verbrannte Finger.

Geschichte wiederholt sich. Wenn sie sehr schlimm war, dauert es eine Weile, bis sie sich wiederholt und zwar aus einem einfachen Grund: Sie muss soweit in Vergessenheit geraten, dass genug Menschen wieder dazu bereit sind, sie zu wiederholen.

Aber wie beginnt Geschichte in Vergessenheit zu geraten? Sie steht ja geschrieben und wird gelehrt!

Das ist soweit richtig und sie wird tatsächlich auch nicht vergessen, sondern verändert wahrgenommen. Was in den 1950ern noch ganz nahe an der Gegenwart war, greifbar, ist heute „nur noch“ Geschichte.

Je mehr Zeit vergeht, wird aus DER Geschichte EINE Geschichte. Ähnlich einem Roman.

Und das geht schneller, wenn man aktiv vergisst.

Wenn man vergisst (oder vergessen will oder wegschieben will), dass mancher Sprachgebrauch in einem bestimmten Zusammenhang (oder auch ohne Zusammenhang, je nachdem) eben an die Geschichte erinnert und es egal wird, dann gibt das dem Vergessen und dem Wiederholen einen Vorschub.

Manche wissen und beabsichtigen genau das, anderen ist es schlicht egal und wollen einfach nur nicht, dass alle gleich Nazi rufen und wieder andere sehen die Gefahr und machen darauf aufmerksam.

Das ist für die Ersteren störend, weil es ihr Ziel untergräbt und für die Zweiteren störend, weil sie nicht möchten das sie mit den Ersteren in einen Topf geworfen werden. Sie möchten die unschöne Geschichte einfach nur vergessen und unbefleckt sein dürfen.

Das Bewusstsein, mit dem Vergessen dazu beizutragen, dass eine Wiederholung der Geschichte erleichtert wird, haben sie nicht. Einige wollen dieses Bewusstsein auch nicht haben, weil es unbequem ist. Das macht sie weder zu Nazis, noch zu schlechteren Menschen, aber es macht sie zu Helfern, ohne dass sie bewusst darauf abzielen.

Diesen Schuh will sich aber auch wieder niemand anziehen.

Es ist also schwer, Menschen zu vermitteln, dass sie auch im Sprachgebrauch eine Verantwortung tragen, und dass eben dieser Folgen hat, die nicht unmittelbar greifbar sind, aber schleichend einen Prozess unterstützen.

Dass dieser Prozess schon in vollem Gang ist, das führte uns Pegida sehr deutlich vor Augen.
Auch wenn man diese noch so fest verschließen will.

Wir sollten also auf unseren eigenen Sprachgebrauch achten und Sprache als einen wichtigen Teil unseres Lebens in einer Gemeinschaft erkennen. Dazu gehört für mich auch, andere Aufmerksam zu machen, wenn sie, inzwischen sicher auch oft unbewusst, Rhetorik verwenden, die von Nazis geprägt wurde. Das Vergessen hat längst begonnen, wir müssen uns an das Erinnern erinnern.